Von Schüssen wie Kunstwerken

Und schon wieder ein Sechspunktespiel und schon wieder diese Spannung. Mit einem Sieg gegen den SV Gescher könnten unsere Helden dessen Platz auf der Zehn einnehmen und somit einen wichtigen Schritt raus aus dem Tabellenkeller, in bisher ungeahnte Höhen wagen. Man könnte sagen sie mussten die Punkte aus den letzten Spielen veredeln, wie gute Spirituosen und mit denen kannten sie sich bekanntlich aus. Auch wenn sie die letzten zwei Spiele vielleicht nicht gerade dominiert hatten, oder gar souverän gewonnen, vielleicht nicht einmal verdient, so hatten sie doch gewonnen und das war mehr als man über den Großteil der Hinrundenspiele sagen konnte. Hier galt es an- und einen draufzusetzen.

 

Ersteres taten sie tatsächlich, denn die erste Hälfte begann genau so hibbelig und zerfahren, wie es das gesamte Spiel gegen Graes prägte. Trotz des ebenen, sandigen Kunstrasens landete jeder zweite Ball beim Gegner und nur ein zwei Mal gelang es, so etwas ähnliches wie Torgefahr aufkommen zu lassen, alle anderen Ballstafetten verliefen buchstäblich im Sande (Ba dumm tss). Glücklicherweise galt dies nicht nur für Schöppingen sondern auch für Gescher und so blieb es beim Unentschieden. Auflockerung brachten während dieser Phase lediglich die immer wieder aufkommenden Freistöße aus dem Mittelfeld, da Schiedsrichter Andreas Möller eine strenge Linie durchzog, jedwede Verwendung der Arme im Zweikampf unterband und jeden Körperkontakt Abpfiff, der nicht so auch im Ballett hätte aufgeführt werden können. Dies gereichte besonders dem ASC zum Nachteil, da sie, wenn nicht präzise, so doch gallig spielten, was Gescher mehr Freistöße als Einwürfe bescherte.

In der 22. Minute dann eine Ecke für den ASC, nachdem Gescher schon mindestens zehn Freistöße vergeben hatte. Niklas Schlinge schnappt sich den Ball und legt ihn an die linke Eckfahne. Dann streicht er mit einer schnellen Bewegung den Innenrist des rechten Fußes an dem des linken entlang. Auf dem Leder bilden sich raue Stellen, Risse, Berge und Täler vergrößern die Oberflächenstruktur. Er läuft an, setzt den linken Fuß direkt neben den Ball, der Rechte streift mit dem bearbeiteten Innenrist am Leder des Balles entlang. Die Oberflächen greifen ineinander, der Ball beginnt sich, vom Fuß geschliffen, zu drehen. Er fliegt Richtung Fünfmeterraum und noch in der Luft ändert er seine Richtung, wie von Geisterhänden getragen biegt sich die Flugbahn in Richtung Tor. Die Luft strömt an der Oberfläche des Balles entlang wird auf der linken Seite von der Drehung mitgerissen, auf der rechten aber muss sie gegen den Ball anrennen, bis sie sich staut. Lange fliegt der Ball und noch Länger. Der zweite Pfosten kommt immer näher. Dann noch ein, zwei, drei Zentimeter nach Links gedrückt vom Druck der sich stauenden Luft. Da lässt sich der Ball im oberen Eck nieder und entspannt sich im Netz. Heinrich Gustav Magnus hätte die Flugkurve nicht schöner erdenken können, die durch den von ihm beschriebenen Magnus-Effekt zu standen kam und auch ihre Schilderung an dieser Stelle kann die Schönheit und die Befriedigung, die ihr Anblick im wahren Momente des Spieles beim Betrachter auslöste, nur unzureichend wiedergeben. Dieser Schuss war ein Kunstwerk, verankert im Moment, zur Vergänglichkeit verurteilt und durch diese gekrönt, und lediglich in den Erinnerungen derer, die ihn sahen, kann er weiter leuchten als ein Glorreiches Beispiel der Faszination des Fußballs.

Dann ging die Halbzeit weiter wie zuvor, karg und rabiat, doch durch das grau schien noch immer die Ecke, die zum 1:0 des ASC geführt hatte, in den Augen der Zuschauer und entschädigte sie für jede grottige Minute, die sie davor und danach hatten sehen müssen.

Die zweite Halbzeit setzte Quantität vor Qualität und brachte den Zuschauern wenn nicht grade sehr Schönes, so doch zumindest mehr halbwegs Schönes, dass sich in den immer besser laufenden Spielfluss streute.

In der 63. Minute konterte der ASC aus dem Nichts. Mit vier Spielern stürmten sie auf die aus zwei Mann bestehende letzte Bastion der Gescheraner Abwehr entgegen,. Phillip Große Daldrup führt den Ball über rechts, doch anstatt in die Mitte zum Tor zu ziehen driftete er langsam und stetig zur Seite ab. Das gab einem der beiden Abwehrspieler Geschers Zeit ihn zu stellen und allen anderen Gescheranern nachzurücken. Schon sah es aus ,als würde auch dieser Angriff im Sande verlaufen, da passte Große Daldrup in die Mitte auf Jonas Hemker, der plötzlich die Beine breit machte und den Ball mitten durchgehen ließ. Gescher schaute verdutzt, ob dieses unerwarteten Zaubertricks, in die Leere vor Hemkers Füßen. Da stand David Wöstmann längst mit dem Ball am Fuß hinter ihm und schob ihn nun ohne den Torwart eines Blickes zu würdigen mit der Picke ins rechte Eck, denn der hat in den Zehenspitzen mehr Gefühl, als andere in beiden Beinen.

Nun stand es 2:0 und das beruhigte die Schöppinger sichtlich. Ihre Pässe kamen häufiger an, im Mittelfeld gewannen sie mehr Zweikämpfe und ihr Ballbesitz Anteil stieg beträchtlich. Die logische Folgerung war das 3:0 in der 70. Minute durch verwandelten Elfmeter, nach Foul an Hemker, von Daniel Rahms, der sich mit diesem seinem fünften Tor an die Spitze der Torschützenliste der zweiten Mannschaft des ASC absetzte, was weniger Rückschlüsse über seine Fähigkeiten als Knippser, als über die Qualitäten des Teams, zulässt.

Nur drei Minuten Später gewann Große Daldrup ein Laufduell auf der rechten Seite und sprintete nun durch die Prärie, wie ein einsamer Wolf, doch anders als vor dem 2:0 kam er nicht vom rechten Weg ab, sondern zog in die Mitte. Auge in Auge stand er sich mit dem Torwart. Wer würde die kältere Schnauze beweisen, Katze oder Wolf? Wolf! Lässig schoss er am Torwart vorbei in die Maschen und besiegelte den Sieg des ASC Schöppingen. Die letzten Minuten vergingen unter bedrückender Dominanz des ASC, eine Leistung an die anzuknüpfen gilt. Einziger Wehrmutstropfen war ein Beinahe-Nasenbruch Benedikt Van Goers, der Blutüberströmt den Platz verlassen musste. Auf Bildern aus der Mannschaftsinternen WhatsApp-Gruppe, die der Redaktion zugespielt wurden, schaut er aus wie Schweinsteiger im WM-Finale (#Kämpfer). Wir wünschen ihm schnelle Genesung.

Und schon wieder ein Sechspunktesieg und schon wieder einen Platz nach oben. Nächste Woche wartet der SC Südlohn auf dem neunten Platz. Wenn sie den Schwung aus der zweiten Hälfte dieser Partie mitnehmen könnten, sollte der vierte Sieg in Folge kein Problem sein.